Leseempfehlung: „Multiästhetikon“ - Die Klais-Orgel im Konzertsaal der HfM Würzburg

Mit der Klais-Orgel im Großen Saal der Hochschule für Musik Würzburg ist in zwei Bauphasen (2016 / 2024–26) ein Instrument entstanden, das weit über den Rahmen eines gewöhnlichen Hochschul- oder Konzertsaalorgelprojekts hinausgeht. Die nun vorliegende Festschrift dokumentiert dieses Instrument nicht nur technisch, sondern vor allem konzeptionell, klangästhetisch und orgelgeschichtlich.

Im Zentrum stehen die Überlegungen von Christoph Bossert, der diese Orgel als künstlerischer und konzeptioneller Kopf entworfen hat. Sein Ansatz des sogenannten „Multiästhetikon“ verfolgt nicht das Ziel einer stilistischen Vereinheitlichung, sondern einer bewusst differenzierten Koexistenz historischer Klangästhetiken – getragen von der Idee der „Key-Sounds“, also klanglich hochwirksamer Register und Registergruppen, die stilistische Räume öffnen und präzise definieren. Die Orgel wird damit nicht als Denkmal, sondern als Werkzeug verstanden: pädagogisch, analytisch und künstlerisch nutzbar.

Von zentraler Bedeutung sind ebenso die Beiträge von Andreas Saage, der als verantwortlicher Intonateur der Firma Klais die klangliche Identität dieses Instruments maßgeblich geprägt hat. Seine Ausführungen zur Intonation, zur 1:1-Übernahme historischer Mensuren, zur bewussten Gestaltung von Vorsprache und Obertönigkeit sowie zum Umgang mit Raumtransformation gehören zu den inhaltlich dichtesten und aufschlussreichsten Teilen der Festschrift. Deutlich wird: Historisch überzeugender Klang entsteht nicht durch formale Kopie, sondern durch profundes klangliches Verständnis und konsequente intonatorische Arbeit.

Darüber hinaus thematisiert die Festschrift grundlegende Fragen, die weit über dieses konkrete Instrument hinausweisen:
die Verbindung von historischer Klangorientierung und moderner Technik, die Rolle ungleichstufiger Stimmungssysteme, neue Möglichkeiten der Spiel- und Windkontrolle sowie die Verantwortung des Interpreten in einem bewusst multiästhetisch angelegten Instrument.

Die Festschrift ist damit keine bloße Begleitpublikation, sondern ein inhaltlich substanzvoller Beitrag zur aktuellen Orgeldiskussion. Sie richtet sich an Organistinnen und Organisten, Orgelbauer, Studierende, Lehrende und alle, die sich ernsthaft mit Orgelklang, Orgelästhetik und der Zukunft des Instruments auseinandersetzen.

Ich stelle die Festschrift hier als PDF zur Verfügung und lade ausdrücklich zur Lektüre ein:

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4. Internationale Orgelwochen St. Margaret München - mai.ORGEL.2025